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Aus: Neue geistliche Gemeinschaften, Reihe: Impulse für die pastorale Arbeit, Nr. 17

Pastoralamt der Erzdiözese Wien, 1994

NEOKATECHUMENALE BEWEGUNG

Das Neokatechumenat entstand 1964 in Spanien, initiiert von dem Maler Francisco Arguello, Kiko genannt. Er hatte sich vom Atheismus zum Christentum bekehrt und begann seine Verkündigung unter den Zigeunern am Stadtrand von Madrid. Bald erhielt er Einladungen in Pfarreien, dort Katechesen zu halten. Auf diesem Weg breitete sich dieser neokatechumenale Weg international aus und umfaßt bereits ca. 500.000 Mitglieder. Er ist in 94 Staaten in allen Kontinenten in 3000 Pfarren in 600 Diözesen präsent. Das weltweite Wachstum setzte mit der Aussendung von "Itineranten" - Wanderkatechisten - ein, die entscheidende Bedeutung im Neokatechumenat haben. Sie wollen als Verkündiger, gesandt von der Kirche, Zeugen der Auferstehung Jesu sein. Sie verzichten (auch als Familie) auf finanzielle Sicherheiten (unter Berufung auf Mt 10). Insgesamt will die Gemeinschaft dem einzelnen helfen, seine Berufung (Lektor, Kantor, Jungfrau, Verheirateter ... ) zu entdecken und zu leben. Dieser Weg steht allen, Priestern und Laien, Ordenschristen und Verheirateten, offen.

"Ausdrücklich betonen die neokatechumenalen Gemeinschaften immer wieder, daß sie sich nicht als "eigenständige Bewegung" verstehen, sondern das Neokatechumenat sei "ein in Etappen gegliederter Weg einer gründlichen Umkehr, auf dem man das christliche Leben in seiner Echtheit und Fülle wiederentdeckt und der Welt die Liebe Gottes bezeugen will".

Die Neokatechumenale Bewegung hat international Priesterseminare mit dem Namen "Redemptoris Mater" eingerichtet, die im Rahmen dieses Weges wirken, den Diözesen unterstehen. 1992 bestanden in Europa 12 Seminare, in denen rund 750 Männer studierten. An diözesanen Priesterseminaren waren außerdem rund 800 Studenten.

Der Weg des Neokatechumenats will "mit der Zeit die Pfarrei von einer Sakramentenpastoral zu einer Pastoral der Evangelisierung" führen.

Die neokatechumenale Gemeinschaft ist pfarrlich gebunden, sie hat ihren eigenen Weg in der Pfarre - auch liturgisch - und will den Mitgliedern helfen, in einem langjährigen Prozeß gleichsam das Katechumenat nachzuholen (mit Skrutinien, Übergabe der Bibel, des Credo, des Vaterunser) und so die Reichtümer der Taufe zu entdecken.

Praxis

Der Weg im Neokatechumenat hat eine Mindestdauer von 15 Jahren mit einer nach oben hin offenen Dauer. In den verschiedenen Etappen sind Rückstufungen möglich. Der Beginn wird mit der Ankündigung einer "Katechese für Erwachsene und Jugendliche" gesetzt, dazu werden anfangs Menschen aus Pfarre und Umgebung eingeladen. "Das Team der Katechisten setzt sich aus einem Priester als Garanten für Rechtgläubigkeit und Kirchlichkeit der Verkündigung, einem Ehepaar und einem jungen Mann zusammen, die eine kleine Evangelisationsgemeinschaft bilden".

Nach der Grundkatechese folgt das Vor- (oder Prä-)katechumenat.

"Die Eucharistiefeier am Samstag wird im Neokatechumenat besonders feierlich gestaltet. ... Die Tatsache, daß diese Eucharistiefeier nicht allgemein zugänglich ist, wird damit begründet, daß dadurch vor eventuellen Störungen geschützt und den Gemeinschaftssinn gefördert werden soll. 'Die Texte der Lieder, die man in den neokatechumenalen Gemeinschaften singt, sind aus dem AT und dem NT. Im Liedbuch sind sie nach den Phasen, in denen sie jeweils gesungen werden, geordnet' . Die Lieder werden auswendig gesungen, was einem Außenstehenden, dem unter Rücksprache mit dem jeweiligen Vorsteher die Teilnahme an der Eucharistiefeier gestattet wurde, das Mitsingen unmöglich macht. Das neokatechumenale Liederbuch ist in Wien nicht erhältlich; es heißt 'Riscuscito. Canti per le communità neocatecumenali' und wurde 1977 in Rom herausgegeben. Um die

Texte zu lernen, erhalten die Wiener Neokatechumenen deutsche Kopien, die von den Itinerantenkatechisten ausgeteilt werden."

Das Vorkatechumenat wird mit dem ersten Skrutinium abgeschlossen. Diesbezüglich heißt es u.a.: "Mit dem Spiegel der Gemeinschaft entdeckt ein jeder, daß er es nötig hat, den Glauben von der Kirche erbitten, und genau das geschieht im ersten Skrutinium. Bevor man zu bauen beginnt, muß man abreißen"

Nach dieser Vorbereitung erfolgt der zwei- bis dreijährige Übergang zum Katechumenat, das mit dem zweiten Skrutinium abschließt. Dann folgt das eigentliche Katechumenat. Nach Jahren der Einübung in die Einfachheit christlichen Lebens kommt eine weitere Etappe: "Der Übergang vorn Katechumenat zur Auserwählung vollzieht sich in einer Liturgie, in der man seinen Namen in das "Buch des Lebens" einschreibt (vgl. Lk 10, 29). Als "electi" (Erwählte) bzw. "competentes" (Erfahrene) haben alle ihre "Treue zum Bund mit Gott in Jesus Christus unter Beweis gestellt": Sie "können im Willen Gottes ruhen und das Schema in ihre Existenz umsetzen". Von dieser Stufe kann man "nichts anderes sagen, als was aus den Beschreibungen des katechumenalen Weges und aus den Erfahrungen derer, die diesen Abschnitt durchschnitten haben, sichtbar wird"."

"Wenn nun der Taufbund erneut angenommen ist, werden die einzelnen "in die Etappe des 'Neophytats' der Neugetauften eingeführt, d.h. in das gelebte Pascha" . Diese Phase bildet Ende und zugleich Höhepunkt des Neokatechumenats. Die "Neophyten" haben die "grundlegenden Etappen des christlichen Lebens" durchschnitten: "Demut (Vorkatechumenat), Einfachheit (Katechumenat nach der Taufe) und Lob (Erwählung und Erneuerung des Taufversprechens)".

"In der Osternacht 1986 haben die Mitglieder der ersten neokatechumenalen Gemeinschaft von Madrid ihr Taufgelübde zum Abschluß ihres Weges feierlich erneuert."

"Der Inhalt jeder Etappe kann erst am Ende des Katechumenates deutlich erkannt werden, sei es, weil die persönliche Erfahrung unersetzbar ist, sei es, weit aus Diskretion eine gewisse Arkandisziplin' eingehalten wird. Dies geschieht ... aus Ehrfurcht vor dem Weg selbst, vor den Menschen, die diese Stufen durchlaufen und vor denen, die nach ihnen kommen."

"Entscheidend bei diesem Prozeß ist die Gemeinschaft als Grunderfahrung von Kirche. Sie steht wesentlich im 'Dreifuß' Wort, Eucharistie, Gemeinschaft."

Ein Problem in der Praxis stellt die Geheimhaltung der Schriften (von denen es nur wenige gibt) dar: Die Weisungen, die Kiko und Carmen die ebenfalls seit Anfang dieses Weges engagiert ist, ihren Katechisten mit auf dem Weg geben, gelangen nicht über deren Kreis hinaus.

Stellungnahmen

Eigentümlich mag es manchen erscheinen, wenn Christen die nicht den "Weg" gehen wollen als Anhänger von Naturreligionen bezeichnet werden und im Skrutinium bekannt werden soll, allein durch die Katechese des Neokatechumenats zum Glauben gekommen zu sein.

Papst Johannes Paul II, sowie sein persönlicher Sekretär Stanislaw Dziwisz sollen Förderer des Neokatechumenalen Weges im Vatikan sein. So würdigte Papst Johannes Paul II. z.B. vor afrikanischen Bischöfen bei einer Konferenz der Neokatechumenalen im Februar 1994 in Rom den Einsatz der Neokatechumenalen in Afrika. Er sagte, daß die Pfarrgemeinde und die in ihr tätigen Gruppen unter der Leitung des Pfarrers und seiner Mitarbeiter gemeinsam zum Wachsen und Leben der Kirche beitragen müßten.

Der Wiener Generalvikar Rudolf Trpin sagte 1994: "Das Neokatechumenat ist grundsätzlich etwas sehr Gutes, aber dieser Weg darf nicht als der einzige in einer Pfarre betrachtet worden, denn die anderen Pfarrmitglieder könnten sich ausgeschlossen fühlen.

Genau diesen Punkt hat - bei allen Chancen dieses geistlichen Weges, den das Neokatechumenat darstellt - auch Roman Bleistein SJ als eine Gefahr angesprochen.- daß sich eine "Sondergemeinde" bildet, welche die angestrebte Pfarrerneuerung verhindert. Außerdem ergeben sich Schwierigkeiten durch das elitäre und exklusive Selbstverständnis (Neokatechumenat "ist die Kirche"), durch eine doktrinäre Glaubensvermittlung, und eine oft überstarke Gruppenbindung.

Der Bischofsvikar für Wien-Stadt, Anton Berger achtet diesen Versuch einer "Neuevangelisierung", merkt aber u.a. kritisch an: "Mehr oder weniger klug werden die, die nicht diesen Weg gehen sollen/können, ausgebootet, an den Rand gespielt und auch in ihrer Christlichkeit hinterfragt. Die Spaltung in der Pfarrei ist daher vorprogrammiert.

Deutlich wird das in den Gottesdiensten, die die neokatechumenale Gruppe eigens feiert. Dieses Geschehen gipfelt oft im Streit um die beiden Osternachtfeiern (zuerst für die gewöhnlichen und dann für die Mitglieder des Weges). ...

Damit ist für mich klar, daß es sich nicht mit den Aufgaben eines Pfarrers verträgt, wenn er auch der Priester des neokatechumenalen Weges ist. Denn dann kann er auch seine Verpflichtung, 'lntegrationsfigur' bzw. 'Spiritual' für alle Bewegungen in der Pfarre zu sein, nicht ausreichend nachkommen. Vielleicht geht es anderswo mit einem nicht pfarrlich verpflichteten Priester ganz gut."

In einer Münchner (unveröffentlichten) Orientierungshilfe heißt es: Die neokatechumenalen Gemeinschaften seien, "auch wenn sie sich selbst nicht so sehen, "eher der klösterlichen Sozialisationsform des Glaubens zuzuordnen", Klöster würden bis heute als Orte der Erneuerung der Kirche gelten. Niemand käme jedoch auf die Idee, die Regeln einer Ordensgemeinschaft deshalb auf alle Gläubigen auszudehnen. Eine solche Sicht würde die neokatechumenalen Gemeinschaften von einer "theologisch einseitig negativen Beurteilung der Welt und der Beurteilung der Geschöpflichkeit des Menschen befreien und sie zugleich vor der Versuchung bewahren, die 'anderen', das heißt die Nichtmitglieder des neokatechumenalen Wegs, gering zu schätzen oder sie als uneinsichtig und schwach im Glauben zu betrachten.

So bleibt der Eindruck, daß dieses Modell sich in Form einer Personalgemeinde (wenn genügend Priester für die Pfarren zur Verfügung stehen) sich durchaus positiv auswirken kann; wenn aber die gesamte Gemeinde von diesem einen Weg durch den Pfarrer geprägt ist, bleiben die Spannungen nicht aus.

 

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